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DIE SOZIALE PLASTIK 2008

September 3, 2009

Rede zur Ausstellungseröffnung am 31. Aug. 08

Liebe Kunstfreundinnen und -freunde, der Name Brandstifter steht in der Mainzer Kunstszene für – wie ich meine – einen der umtrie­bigs­ten und in Experimentierfreude und Bandbreite kaum vergleichbaren Musiker, Performer, Aktions- und Multi­media­künstler.

Brandstifter als Künstlername steht für jemanden, der die Nase immer vorne hat, der am Puls der Zeit arbeitet, ihn fühlt und deutet, ohne dabei zeitgeistig zu werden oder scheinbaren Trends hinterher zu laufen.

Nein – der Brandstifter hat immer seinen eigenen Kopf, und das merkt man dem, was er seinen Zeit­genossen vorsetzt, auch an:

Es ist immer originell, manchmal auf den ersten Blick etwas schräg, aber immer wohl durchdacht – wenn auch vielleicht erstmal „um die Ecke gedacht“ und deshalb für uns nicht immer einfach zu verdauen.

Aber eines schafft der Brandstifter immer, bei mir zumindest:

Uns mit dem, worüber er nachgedacht und was er sich dann ausgedacht hat, selbst zum Nachdenken aufzu­fordern, Position beziehen zu lassen und vielleicht sogar zum Handeln zu bringen.

Und so geht es mir auch wieder bei seiner Aktion „Soziale Plastik“, die jetzt seit fast genau einem Jahr läuft und nun zum Höhepunkt und Abschluss kommen soll.

Als ich letztes Jahr im September zum 135-jährigen Jubiläum der Mainzer Neustadt in den Vorbereitungen zu einer Galerie steckte, mit der ich die Bandbreite der künstlerischen Aktivitäten in der Neustadt dokumentieren wollte, kam ich ins Gespräch mit dem Brandstifter, der auf jeden Fall dabei sein sollte.

Er schlug etwas Außergewöhnliches vor, mit dem ich mich erstmal anfreunden musste, nämlich ein Konzeptkunst­werk, das aus den Beiträgen, sprich aus den gespendeten Plastikflaschen der Ausstellungs­besucher, entstehen und immer weiter wachsen sollte. Er selbst wollte nur als Ideengeber oder „Stifter“, wie er sich ja selbst versteht, sehen.

Und er machte zugleich deutlich, dass die Aktion durch­aus nicht nur als eine ästhetische, sondern auch als eine die aktuelle gesellschaftliche Situation kommen­tierende Unternehmung zu begreifen sein sollte. Jeder von uns hat sie schließlich gesehen, die Menschen, die davon leben, dass sie durch die Stadt laufen und Pfandflaschen einsammeln.

Und hier setzt jetzt der künstlerische Blick des Brandstifters ein:

Er sucht nach einer Form der Darstellung, mit der er eine gesellschaftliche Entwicklung kommentieren kann, ohne zu belehren und zu bekehren, sondern mit der er im Gegenteil Freiräume schaffen kann, die es ermöglichen, unverkrampft mit einem so brisanten Thema umgehen zu können.

Was liegt für einen Künstler also näher als in die Kunstgeschichte einzutauchen und Fragen an sie zu stellen? Fragen, die möglicherweise schon einmal gestellt wurden und vielleicht sogar beantwortet wurden?

Was liegt näher bei einem Künstler, der sich in der Tradition von Dada, Fluxus und Situationismus verortet, als an dem Konzept der „Sozialen Plastik“ von Joseph Beuys anzudocken und zu fragen, ob und inwieweit es für unser heutiges Leben und Erleben einerseits und für den künstlerischen Ausdruck andererseits tragfähig ist? Zumal ja ein assoziativer Bezug durch den Begriff „Plastik“ mit seinen unter­schied­lichen Bedeutungen auf der Hand liegt.

Was also, das wäre die weitere Frage, wurde aus den politisch-künstlerischen Utopien von damals? Und: Ist es uns heute noch möglich, mit der Vorstellung leben zu können, dass jeder sich in einen gesellschaftlichen Trans­formations­prozess begibt und schöpferisch an der großen Vorstellung von der „Sozialen Plastik“, der Veränderung durch Kunst und mit Kunst, mitwirkt?

Dass letzten Endes jeder durch sein Handeln Künstler sein und als Künstler am gesellschaftlichen Leben Anteil haben kann?

Das sind die Fragen, die vom Brandstifter angerissen werden, wenn er seine Aktion in Anlehnung an den Beuysschen Begriff benennt. Wie sieht es mit der Antwort aus? Gibt es eine, kann es sie überhaupt geben?

Ich habe mich auch darüber wiederholt mit dem Bandstifter unterhalten und bin mir darüber klar geworden, dass es mit einer Antwort gar nicht so einfach ist, denn sie heißt: „Ja“ und „Nein“.

„Ja“, weil der Begriff der „Sozialen Plastik“ durchaus tragfähig sein kann, in unsere Zeit übertragen zu werden, wenn wir unser Handeln ganz unprätentiös als im steten Wandel begriffen erkennen und deshalb im Kleinen und im Großen als gesellschaftliche Interaktion und damit konsequenterweise auch Trans­formation.

Das heißt konkret, wenn wir dem Aufruf des Brandstifters folgen und Plastikflaschen bei ihm abgeben, wirken wir tatsächlich an etwas mit, das man als „Soziale Plastik“ bezeichnen kann.

Aber – und jetzt kommen wir zum „Nein“ an der Geschichte, aber: Ob damit auch eine gesellschaft­liche Utopie à la Beuys eingelöst werden kann, bleibt in jeder Hinsicht offen.

Bei allem guten Willen dürfen die Erwartungen an eine solche Aktion nicht zu hoch angesetzt werden, und so hat mich der Brandstifter in unseren Gesprächen auch immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Wir sollten also das, was der Brandstifter uns hier mit der Aktion „Soziale Plastik“ anbietet, durchaus ernst nehmen und Fragen an uns selbst stellen. Kunst, wenn es gute Kunst ist, hält dem Betrachter oder Publikum ja immer einen Spiegel vor und regt an, in sich selbst hinein zu horchen.

Wir sollten die „Soziale Plastik“ aber zugleich auch als spielerisches Angebot verstehen, bei allem Ernst des Themas uns frei zu machen und das Ganze sozusagen von „höherer Warte“ aus zu sehen – auch dies ist, wie ich meine, immer ein signifikantes Merkmal guter Kunst.

Also, worum geht es: Wir leben im Plastik-Zeitalter, der Verpackungsmüll nimmt immer gigantischere Ausmaße an, wir konsumieren immer mehr und immer schneller.

Wir denken zugleich immer weniger darüber nach, weil es selbstverständlich ist und weil sich alles so und nicht anders für uns entwickelt hat.

Und jetzt kommt da ein Aktionskünstler daher und macht uns auf das Banalste vom Banalen aufmerksam, auf Plastikflaschen, und fordert uns heraus, darüber nachzu­denken, was wir damit anstellen können: Ex und Hopp konsumieren oder innezuhalten und diesen Konsum als Metapher für unseren Lebensstil zu begreifen.

Und dann wird es ja interessant, denn was für den einen völlig bedeutungslos ist, ist für den anderen existenzielle Notwendigkeit. Oder: Was heute banal ist, könnte sich für jeden von uns morgen tatsächlich als unvermeidbar wichtig erweisen.

Wir leben in einer Zeit, in der jede Katastrophe denkbar ist, zugleich aber auch in einer Zeit, die unendlich viele Chancen offen hält.

Das heißt dann aber für uns: Wie gehen wir miteinander um? Wie schätzen wir uns selbst und unsere Mitbewohner auf diesem Planeten und unser Verhältnis zueinander ein?

Wie können wir uns selbst als jemanden verstehen, der durch sein Handeln dokumentiert, ob und inwieweit er sich mit sich im Reinen ist? Blicken wir pessimistisch oder optimistisch in die Zukunft?

Das sind Fragen, die wir uns stellen können und die – zumindest in mir – wachgerufen worden sind, als ich mich mit dem Brandstifter über seine „Soziale Plastik“ unterhalten habe.

Eines zumindest können wir als Antwort von Seiten des Künstlers mitnehmen: Wir können uns durch die Teilhabe an der Aktion, sprich durch die Spende von Pfand-Plastikflaschen, als Teil eines größeren künstlerischen Konzepts betrachten.

Jede und jeder, der in den nächsten vier Wochen hier weitere Flaschen spendet, erhält ein vom Künstler gestaltetes Zertifikat in Form einer nummerierten und gestempelten Quittung – wir sind hier schließlich in Deutschland – und darf sich damit als beglaubigtes Mitglied der Brandstifter-Community fühlen.

Und neben dem erhebenden Gefühl, selbst als Aktionär an der „Sozialen Plastik“ mitzuwirken, kann jeder sich auch noch über das gute Gefühl freuen, an einer wohltätigen Aktion teilgenommen zu haben: Der Erlös aus der Auflösung der Sammlung im Herbst dieses Jahres wird einem guten Zweck, nämlich einer Beihilfe für Schulkinder aus sozial schwachen Familien in der Zwerchallee, zufließen.

Insofern sind wir alle dazu aufgefordert, wie es so schön in der klassischen Kunstphilosophie heißt, das „Nützliche mit dem Angenehmen“ zu verbinden.

Was kann uns besseres passieren, als an einem Kunstwerk zu partizipieren und darüber hinaus auch noch gesellschaftlich wirksam, „sozial plastisch“ aktiv zu werden?

Dr. Hermann Stauffer

Schaufenster der Walpodenakademie

Pfandraising in der Walpodenakademie, Mainz

Plastic food? Eat Art by Barbara Rößler

Gast: (Glas-) Flaschenpostamt mit Dr. Treznok

Plastic Music, Vortrag mit DJ Martin Büsser

Auktionator RA Martin Malcherek

Versteigerung der Sozialen Plastik (Fotos: Hermann Stauffer)

Plastic Bottle Bath à la Dagobert Duck

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